Veröffentlicht: 21.6.2026
Herstellungsdatum: 1970
Autor: Karsten Hein
Kategorie: Gear & Review
Tag(s): Loudspeakers
Laut, ausdrucksstark und wuchtig – so würde ich meinen ersten Eindruck von den Braun L810-Lautsprechern beschreiben. Hergestellt in den Frankfurter Braun-Werken während des wirtschaftlichen Aufschwungs der Nachkriegszeit, ist an den L810 aber auch gar nichts „komfortabel“. Und wenn Sie ebenfalls dachten, diese Lautsprecher wären bloß eine größere Version der L480, dann muss ich Sie enttäuschen.
Seit ich vor ein paar Monaten die Tauglichkeit der Braun L480-I als Nahfeldmonitore für die Nutzung im Aufnahmestudio entdeckte, hat dies mein Interesse an klassischen Braun-Lautsprechern entfacht. Letztlich ist die originalgetreue Wiedergabe von Klangfarben zu meinem Maßstab bei der Beurteilung von Lautsprechern geworden. Anstatt Höhen und Bässe einzeln zu bewerten, interessiert mich weitaus mehr, ob der resultierende Gesamteindruck lediglich die Eigenschaften eines technischen Systems aufweist oder es vermag, den Charakter und das Gefühl einer echten musikalischen Darbietung abzubilden.
Viele Lautsprecher schaffen es zwar, einzelne Aspekte wie Bassdruck und Kontur, transparente Stimmen und klare Höhen wiederzugeben, doch wenn es um den klanglichen Charakter, das Timing oder die Größe und Position der Instrumente geht, gelingt es ihnen nicht, die Essenz der ursprünglichen Darbietung abzubilden. Die Musikalität der L480-I hat mich dahingegen positiv überrascht. Und da sie hinsichtlich ihrer moderaten Größe und des geringen Hörabstands eher eingeschränkt waren, fragte ich mich unweigerlich, wie sich ihre größeren Geschwister wohl im Vergleich dazu schlagen würden.
In den 1970er Jahren bestand Brauns Lautsprecherserie aus der kleinen L410, zahlreichen mittelgroßen Modellen der 500er, 600er und 700er-Reihen und den Top-Modellen L810 und L810-I. Um herauszufinden, wie weit Braun unter der Leitung von Dieter Rams (siehe unten) sein vom Bauhaus inspiriertes, reduziertes Design mit den abgerundeten Kanten getrieben hatte, schien die L810 die naheliegende Wahl zu sein. Und während ich noch darüber nachdachte, ob ich mich für die kleineren L710 entscheiden oder doch die L810 wählen sollte, tauchte ganz in unserer Nähe ein perfekt erhaltenes Paar L810 zum Verkauf auf. Dieser Umstand half mir bei meiner Entscheidung, ebenso wie die Tatsache, dass mein audiophiler Freund Luigi mir kurz darauf ebenfalls schrieb, um mich über das Angebot zu informieren. Dank unseres gemeinsamen Interesses an Lautsprechern können wir Geräte miteinander teilen, tauschen oder gegen andere eintauschen.
Obwohl mein erster Kontakt mit dem Verkäufer vielversprechend klang und die Brauns auch prompt für mich auf "reserviert" gestellt wurden, musste unser Schriftwechsel mehrere Unterbrechungen hinnehmen, was letztendlich dazu führte, dass sich die Abholung um fast drei Wochen verzögerte. Es stellte sich heraus, dass die L810 Teil des Nachlasses eines Hamburger Arztes waren, der auch ihr erster Besitzer gewesen war und sie Anfang der 1970er Jahre erworben hatte. Abgesehen von zwei kleinen Kratzern auf der Rückseite eines der beiden Lautsprecher sahen die L810 so aus, als kämen sie gerade erst aus dem Braun-Werk in Frankfurt.
Typisch für die Zeit waren sie noch mit ihren originalen 0,75 mm²-Kabeln mit DIN-Steckern ausgestattet, was bedeutete, dass ich sie nicht einfach mit dem mitgebrachten Röhrenverstärker testen konnte. Ich beschloss, das Risiko dennoch einzugehen und sie ohne vorherige Prüfung zu erwerben. Allein aufgrund ihres makellosen Erscheinungsbildes schien es mir ein eher geringes Risiko zu sein. Meine Mutter, die mich zur Abholung nach Hamburg begleitet hatte, bewunderte auf der Rückfahrt nach Marne gemeinsam mit mir das zeitlose Braun-Design und die haltbare Bauweise der Lautsprecher.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber jedes Mal, wenn ich Vintage-Lautsprecher wieder zum Leben erwecke, bin ich völlig überwältigt, schon allein von der Tatsache, dass sie immer noch Musik abspielen können. Diese anfängliche Euphorie beruht vermutlich auch auf meinem eifrigen Bestreben, ihren Klangcharakter zu ergründen. Die Frage, die mich beschäftigt und begeistert, lautet: „Wie viel von dem, was ich höre, war eine bewusste Designentscheidung der Entwickler, und wie viel beruht auf Alterung oder meinem noch mäßigen Kenntnisstand?“ Geräte einer anderen Ära erwarteten möglicherweise eine andere Raumausstattung und die Menschen genossen andere Musik. Möglicherweise hatten sie auch andere Maßstäbe für guten Klang, d.h. andere Vorlieben.
Zudem altern Materialien im Laufe der Zeit. Die Bauteile der Frequenzweiche haben möglicherweise ihren Widerstand oder ihre Kapazität verändert, die Treiber könnten durch vertrocknetes Ferrofluid blockiert sein oder sich im Laufe der Zeit gesenkt haben. Materialien können weich, hart oder spröde geworden sein. Oftmals verstehe ich anfänglich noch nicht richtig, wie die Lautsprecher aufgestellt werden sollten, welche Art von Geräten und welche Positionierung sie erfordern. Daher werden sich anfängliche Schlussfolgerungen im Laufe der Zeit zwangsläufig als falsch erweisen.
Es ist diese Kombination aus Hoffnung und Ungewissheiten, die Vintage-Geräte so faszinierend für die Menschen macht. Alte Lautsprecher sind wie Fenster, durch die wir in die Vergangenheit blicken können. – Selbst wenn diese Fenster oft zunächst gründlich gereinigt oder rekonstruiert werden müssen.
Ich stellte die L810 zunächst an der vierten Hörposition in meinem Studio auf. Diese ist wahrlich kein idealer Standort für Lautsprecher, vielleicht, weil die Dachlinie sowohl hinter als auch vor den Lautsprechern ab einer Höhe von etwa einem Meter nach innen abfällt. Dies kann leicht zu einem unangenehmen, hornartigen Kompressionseffekt führen, der den mittleren Basspegel unnötig anhebt. Doch gerade an dieser Position fiel mir erstmals auf, dass der Bass der L810 ungewöhnlich dumpf und übermächtig klang. Dies war besonders der Fall, wenn die Lautsprecher mit unzureichendem Abstand zueinander aufgestellt waren. Zudem lösten die beiden großen Tieftöner erhebliche Bodenresonanzen im Hörraum aus. Hinzu kam, dass die kleinen 0,75 mm²-Lautsprecherkabel kaum für die Kontrolle des Schwingverhaltens der Tieftöner ausreichten.
Mein Plan war es deshalb, die fest verlegten Kabel durch Anschlussklemmen zu ersetzen. Ich entschied mich für Terminals von geringer Masse, die aus einem hohlen Metallstift in der Mitte mit aufschraubbaren Kunststoffkappen bestanden. Auch wenn dieser Typ optisch nicht besonders ansprechend ist, bietet er doch den Vorteil, die Kapazität gering zu halten, was insbesondere bei höheren Frequenzen von Vorteil sein kann. Anschließend lud ich einige Freunde ein, um die Lautsprecher mit mir anzuhören. Henrik wies darauf hin, dass bei Verwendung der bisherigen Ständer die Achse der Hochtöner und Mitteltöner mindestens 30 cm über Ohrhöhe lag, was zur allgemeinen Ungenauigkeit im Zeitverhalten beitrug. Dennoch waren sich alle einig, dass die Lautsprecher insgesamt vielversprechend klangen und mit ein paar weiteren Optimierungen phänomenal klingen würden.
Ich machte mich daran, zwei neue 40-cm-Ständer zu bauen, um die 70-cm-Ständer abzulösen. Die neuen Ständer sind über verstellbare Spikes mit dem Boden gekoppelt, und die Lautsprecher selbst stehen auf vier Filzkissen. Anschließend stellte ich die Braun L810 in Hörposition drei auf, wobei ich unter jeden Lautsprecherständer eine große Betonplatte (100 × 40 cm) legte, um Bodenresonanzen zu minimieren. Diese neuen Bedingungen verbesserten die Bühnenabbildung und die Klangfarbe erheblich. Die L810-Serie ist alles andere als „Plug-and-Play“. Sie erfordert einen großen Raum mit ausreichend Abstand zwischen den Lautsprechern und der Vorderwand (d. h. der Wand hinter den Lautsprechern). In meiner Konfiguration stehen die Lautsprecher 2,20 Meter voneinander entfernt (Mittelachse zu Mittelachse), wobei zwischen ihrer Front und der vorderen Wand des Hörraums ein Abstand von 1,70 Metern besteht.
In meinem ersten Testszenario hatte ich die L810 mit einer Hafler XL280-Endstufe und Belden 9497-Kabeln getestet, um einen eher präzisen und detailreichen Klang zu erzielen. Das Ergebnis war jedoch aufgrund der zuvor erwähnten Einschränkungen weit hinter meinen Erwartungen zurück geblieben. In meiner zweiten Konfiguration verwendete ich eine Dynavox VR-70E-Röhrenendstufe. Nach kurzer Zeit wechselte ich dort von den Belden-Lautsprecherkabeln zu einem neuen Satz maßgefertigter Kabel, die Matthias speziell für den Einsatz mit Röhrenverstärkern angefertigt hatte. Dadurch konnten die L810 noch mehr musikalische Details wiedergeben. Die Instrumente wurden räumlich greifbarer und die Ausklingzeiten kürzer. Der Bass zeigte gleichzeitig mehr Durchschlagskraft und Kontrolle.
Seit ich sie zum ersten Mal gehört habe, zieht es mich immer wieder zu den L810 zurück. Und doch gibt es etwas an ihnen, das mich seltsam unbefriedigt zurücklässt und mich dazu bringt, die Lautstärke zu erhöhen. Gert Redlich vom Deutschen HiFi-Museum beschreibt in seinem zweiteiligen Bericht eine ähnliche Erfahrung. Vielleicht sind die für den Hoch- und Mitteltönerbereich zuständigen Frequenzweichenkondensatoren ausgetrocknet, und ein Austausch derer würde zu einem ausgewogeneren Klang führen. Ich werde mehr Zeit damit verbringen müssen, den L810 zu hören, um mir sicher zu werden. Vielleicht werde ich auch eine Nahfeldmessung durchführen, um festzustellen, ob technisch noch alles in Ordnung ist. Umso erstaunlicher ist es, dass ich nicht auch nur einen Moment an der klanglichen Integrität der kleineren L480-I gezweifelt habe. Jedesmal, wenn ich sie einschalte, haben sie sofort meine volle Aufmerksamkeit und zaubern mir ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht.
Nun, Größe wird sicherlich überbewertet. Und die L810 müssen erst noch beweisen, dass sie das Zeug dazu haben, auf lange Sicht Gefallen zu finden. Sollte ich tatsächlich die Kondensatoren austauschen müssen, werden Sie dies hier sicherlich in einem separaten Artikel erfahren. — Auf weitere Erkundungen!
wurde 1932 in Wiesbaden geboren. Er gilt als Allrounder, der das berühmte Braun-Design der 1950er Jahre bis weit über die 1980er Jahre hinaus prägte. Rams, der ursprünglich als Tischler begann, studierte anschließend Architektur und avancierte zu einem namhaften Möbel- und Innenarchitekten, schon bevor er zu Braun kam, um an einigen der gefeierten Entwürfe des Unternehmens mitzuwirken. Rams trat 1955 in den Frankfurter Unterhaltungselektronikhersteller ein und stieg zum Chefdesigner des Unternehmens auf, eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung innehatte.
In der Unternehmenswerbung manchmal als „Mr. Braun“ bezeichnet, hielt Rams strikt an einer Designphilosophie fest, die von Fritz Eichler, Hans Gugelot (Dozent an der Hochschule für Gestaltung Ulm) sowie Herbert Hirche und Wilhelm Wagenfeld (beide ehemalige Bauhaus-Schüler) für Braun entwickelt worden war. Ihre Designphilosophie zeichnete sich vor allem durch reduzierte Form und Benutzerfreundlichkeit aus; diese Kombination machte Braun ab Mitte der 1950er Jahre zu einer äußerst attraktiven Verbrauchermarke. Rams soll einmal gesagt haben: „Gleichgültigkeit gegenüber den Menschen und der Realität, in der sie leben, ist tatsächlich die einzige und größte Sünde im Design.“
Um die Fortführung großartiger Gestaltung zu gewährleisten, entwickelte Rams eine Liste von Merkmalen, die als „Zehn Prinzipien für gutes Design“ bekannt wurden. Diese lauten: Innovation, Nützlichkeit, Ästhetik, Benutzerfreundlichkeit, Unauffälligkeit, Ehrlichkeit, Langlebigkeit, Gründlichkeit und Umweltfreundlichkeit über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg. Alle Prinzipien klingen auffallend modern und finden sich in Konsumgütern wieder, von Apple iPhones bis hin zu Tesla-Autos.
Die Braun AG wurde 1967 an die Gillette Company verkauft, die wiederum 2005 von Proctor & Gamble übernommen wurde. P&G führte die Produktion von Braun-Trimmern und -Rasierern fort – seit 1949 das Kerngeschäft des Unternehmens –, während kleine Haushaltsgeräte unter dem Namen Braun seit 2012 von De’Longhi hergestellt werden.


