Veröffentlicht: 19.1.2025
Herstellungsdatum: 2025
Autor: Karsten Hein
Kategorie: Gear & Review
Tag(s): Integrated Amplifiers
In dem RG10 MK4 Reference vereint der Duisburger High-End-Hersteller Symphonic Line Superlativen in vielerlei Hinsicht. Nicht nur ist der RG10 Vollverstärker eine Weiterentwicklung des bereits hervorragenden RG9. In seiner vierten Ausbaustufe (MK4) verfügt er auch über einige interne Verbesserungen und wartet mit einem zusätzlichen Mumetal-Netzteil in separatem Gehäuse für die Reference-Vorstufe auf.
Es ist Anfang Januar 2025, und an der deutschen Nordseeküste tobt ein schwerer Wintersturm. Unser Hörraum unter dem Dach des alten Hauses trotzt der Kälte und fühlt sich gemütlich und warm an. Ich schalte den RG10-Verstärker ein und vernehme das satte Geräusch, das durch den gegossenen Mumetal-Transformator in seinem Inneren erzeugt wird. Der Klang ähnelt dem sachten Schlag eines fernen Gongs, ganz leise und nur einmal, als ob das Gerät auch akustisch bestätigen wolle, dass von nun an saubere Energie im Überfluss verfügbar ist. Ich lehne mich gespannt in meinen Hörsessel zurück und kann meine Vorfreude kaum noch verbergen.
Als die Musik zu spielen beginnt, bemerke ich mein Versehen: Anstatt Diana Kralls Album „Glad Rag Doll“ abzuspielen, wie ich es eigentlich beabsichtigt hatte, ist bei unserem Thornes TD320-Plattenspieler noch immer der Sampler „Winter Wonderland“ von unserer zuvor abgehaltenen Weihnachtssession aufgelegt. Und dieser beginnt (aufgrund des Wetters sicher nicht ganz unpassend) mit Dean Martins Interpretation von „Let it snow“. Als ich meinen Irrtum bemerke, bin ich für einen Moment versucht aufzustehen und die Platte zu wechseln. Doch zu meiner eigenen Verwunderung bleibe ich sitzen, gebannt von den reinen und ehrlichen Klängen, die sich zwischen unseren elektrostatischen Martin Logan SL3-Lautsprechern entfalten.
„Winter Wonderland“ ist eine Sammlung von Liedern aus den 1940er bis 1960er Jahren, von denen viele noch nicht in Stereo aufgenommen wurden. Solche Aufnahmen haben ohne Zweifel ihren Charme, sie werden jedoch in der Regel nicht als audiophil bezeichnet und deshalb selten für Gerätetests herangezogen. Doch mit dem RG10 MK4 Reference-Verstärker verwandeln sich unsere Martin-Logan SL3 in holographische Projektoren, durch die eine pulsierende und fast greifbare Phantom-Mitte Gestalt annimmt. Die Abbildung ist dabei so klar und schön, dass ich mich unwillkürlich an die Oszilloskope alter Marantzverstärker erinnert fühle, die in der Lage waren, aus dem Musiksignal blumenartige visuelle Bilder entstehen zu lassen, indem sie dessen lineare Wellenform um einen Kreis wickelten (siehe Marantz Model 2600 von 1977). Ich saß wie festgenagelt in meinem Sessel und brachte es nicht übers Herz, die Schallplatte vor deren Ende zu wechseln, weil ich zum ersten Mal von ihrer rauen Schönheit fasziniert war.
Selbst wenn die akustischen Defizite der Originalaufnahmen in einer derart aufschlussreichen Konfiguration noch viel deutlicher herauszuhören sind, befinden sich die Tonalität und Transparenz des Gesamtsystems auf einem so hohen Niveau, dass diese Limits transzendiert werden. Es wird sogar zum Genuss, diesen Widerspruch zu erleben. Denn die exakt abgebildeten Einschränkungen der Aufnahme klingen viel weniger störend als charmant. Indem wir die einzelnen Aspekte jeder Aufnahme – Timing, Transienten, Dynamik, Klangfarben, Tonalität und Nachhall – vollständig erleben, können wir die Aufnahmemittel und Mastering-Entscheidungen in ihren verschiedenen Dimensionen nachvollziehen und erhalten einen umfassenderen Blick auf das, was den Toningenieuren zu diesem Zeitpunkt möglich und verfügbar war.
Wenn tonale Ereignisse scharf umrissen und in definierter Ordnung präsentiert werden, wobei ein jedes einen präzisen Anfang und ein präzises Ende hat, wird der Zuhörer in die Lage versetzt, über die Aufnahme hinaus in den verfügbaren Raum dahinter zu blicken, der von ihr nicht genutzt wurde. Der akustische Eindruck ähnelt dem visuellen Blick in einen Raum, in dem ein paar Objekte positioniert wurden. Wenn ausreichend Licht und Sehschärfe vorhanden sind, können wir jedes Objekt einzeln in seiner definierten Größe, Form, Textur und Farbe sehen und die Zusammensetzung und den Zweck der Objekte in ihrer Gesamtheit erkennen. Daraus leiten wir ein bestimmtes Gefühl für die Form und Anordnung der Objekte und ein anderes Gefühl für den Raum selbst ab. Wenn eine HiFi-Anlage eine ausreichende Ordnung bietet (akustische Eigenschaften, ähnlich wie Licht und Schärfe), wird für die Ohren deutlich, dass die Aufnahme und das Systempotenzial zwei verschiedene Dinge sind.
Als ich schließlich, wie ursprünglich von mir geplant, Diana Kralls Album „Glad Rag Doll“ aus dem Jahr 2012 auflegte, begrüßte mich ihr gleichnamiger Song mit einem hohen Grundrauschen in Form eines konstanten Zischens auf beiden Kanälen. Dadurch wurde die Position der Lautsprecher für die Ohren sichtbar, was mich überraschte, da ich dies bei meinen vorherigen Hörsitzungen mit diesem Album nicht so deutlich wahrgenommen hatte. Die Gitarre und Dianas Stimme waren beide entlang der Phantom-Mitte und scheinbar überlappend positioniert. Das hätte ich vielleicht von einer Monoaufnahme aus den 1950er- oder 60er-Jahren erwartet, doch auf diesem Album klang die Musik laut und komprimiert zugleich, wie dies für heutige Aufnahmen üblich ist. Ich fühlte mich von den unterschiedlichen Assoziationen verwirrt, die diese Melange an Stilen hervorrief.
Bei „A Little Mixed Up“ wirkte das Klavier im Vergleich zu Dianas Gesang winzig. Die beiden Gitarren waren auf die exakten Kanäle der beiden Lautsprecher beschränkt, eine Mastering-Entscheidung, die ich noch von den Songs von Elvis Presley und den Beatles kannte, die jedoch auf einer modernen Platte auf mich etwas fehl am Platz wirkte. Da „Prairie Lullaby“ mehr vom Selben bot, wurde mir klar, dass die künstlerischen Entscheidungen bei der Produktion dieses Albums deutlich anders ausfielen, als bei Diana Kralls audiophileren Veröffentlichungen. Und obwohl ich das Album als den Versuch akzeptieren konnte, die Nostalgie einer längst vergangenen Ära zu reproduzieren, entlarvte der RG10 MK4 Reference in Kombination mit den Martin Logan SL3-Lautsprechern dieses Album als unauthentisch und unaufrichtig.
In der Regel macht es mir mehr Spaß, eine mittelmäßige Aufnahme auf einer großartigen HiFi-Kette zu hören, als eine großartige Aufnahme auf einer Kette, die schlecht klingt. So wie es auch mehr Spaß macht, langsam in einem Fahrzeug mit einem leistungsstarken Motor zu fahren, als schnell in einem Auto zu rasen, das nicht für hohe Geschwindigkeiten ausgelegt ist. „Glad Rag Doll“ ist jedoch eine Ausnahme, da es sich bewusst als schlechte Aufnahme ausgibt. Genauso wie Shabby-Chic-Möbel nie zu Klassikern werden, ist das Krall-Album, sobald es entlarvt wurde, auf ähnliche Weise nicht mehr so attraktiv. Wie die meisten Audiophilen sicher zustimmen werden, ist es schier unmöglich, etwas wieder ungehört zu machen, wenn wir es einmal entdeckt haben.
Der RG10 MK IV Reference ist ein extrem aufschlussreicher und hervorragend verarbeiteter Verstärker, der problemlos auch komplexe Lautsprechersysteme antreiben kann. Aufgrund seiner robusten Stromlieferfähigkeit lässt er sich auch von den frequenz-abhängigen Lasten unserer elektrostatischen Martin-Logan-Panels nicht aus der Ruhe bringen. Seine zwei großen Ringkerntransformatoren stellen 750 Watt bereit. Allein die acht Leistungsverstärker-Kondensatoren bieten ultraschnelle Reserven von 104.000 µF. Das ist genug Impulsleistung, um komplexe Lasten auch bei beeindruckenden Lautstärken zu betreiben, was sich aus den technischen Daten allein nicht unbedingt erschließen lässt.
Beim Album „Adele 30“ wird mir wieder einmal bewusst, wie schön selbst Popmusik klingen kann, wenn die High-End-Anlage den Einzelereignissen den entsprechenden Zusammenhalt bietet. Adeles Titel „Hold On“ steigert sich langsam von zartem Gesang zu voller Instrumentierung. Der RG10 MK IV Reference begleitet dies durchweg originalgetreu und offenbart eine Aufnahme, die mit großer Sorgfalt hergestellt wurde. In „To Be Loved“ klingen die ersten Klaviertasten wunderbar reichhaltig und verführerisch. Es fällt mir leicht, mein System zu vergessen und in die Musik einzutauchen. Nur gelegentlich erinnert ein Klicken oder Knacksen daran, dass sich die Schallplatte noch dreht und die Lautsprecher noch vorhanden sind. Ich erinnere mich aber auch daran, dass dieses Album ein Geschenk an meine Tochter war, die ihre Schallplatten nach dem Abspielen gerne auf dem Plattenspieler liegen lässt. Es ist diese Art von feuchtem Staub, der sich nur schwer mit einer Plattenbürste entfernen lässt.
Mir gefällt das vollendete Design des RG10-Reference, wie er auf dem obersten Regalbrett unseres Racks steht. Sein separates Netzteil für die Vorstufensektion befindet sich auf dem Regalbrett darunter. Die vier großen Knöpfe auf der dunklen Vorderseite des RG10 deuten optisch auf die sagenhafte akustische Ordnung hin, die so häufig mit den Geräten von Symphonic Line in Verbindung gebracht wird. Im Prinzip ist der RG10 eine Weiterentwicklung des RG9 und hat – hier in seiner MK4-Version – viele Aktualisierungen gegenüber seinen Vorgängermodellen erfahren.
Der Firmengründer und Chefentwickler von Symphonic Line, Rolf Gemein, ist Mitbegründer der High End Society, einem Verband, der sich den guten Ton in Deutschland zur Aufgabe gemacht hat. Bei seinen Geräten legt Herr Gemein großen Wert auf authentische Tonalität, die Integrität der Phasenlage und auf das Resonanzmanagement der Schaltkreise. Um ein Höchstmaß an Musikalität zu erreichen, werden hochwertigste Komponenten in Industriequalität von seinem Team in Duisburg von Hand ausgewählt, aufeinander abgestimmt und zusammengebaut. Bevor ein Gerät das Haus der Firma verlässt, wird es von Herrn Gemein persönlich einer akustischen Bewertung unterzogen und so eingestellt, dass jeder RG10-Reference-Verstärker seine optimale akustische Leistung erbringt.
Das Ergebnis dieser Philosophie ist hörbar. Die Phonovorstufe des RG10 Reference ist so gut, dass ich 70 % Vinyl und nur noch 30 % CD hörte, was exakt das Gegenteil meines üblichen Hörverhaltens ist. Aus audiophiler Sicht habe ich nichts zu beanstanden. Die wenigen Aspekte, die mich noch stören, haben mit der praktischen Handhabung des Geräts zu tun, wie z. B. dem Betrieb bei Nacht und dem Transport des Verstärkers. Da ich die meisten meiner Aufzeichnungen am Abend mache, verwende ich nur minimale Beleuchtung, um vom Tag abzuschalten, meine Nerven zu beruhigen und mich intensiver auf die Musik konzentrieren zu können. In dieser Situation fällt es mir oft schwer, sicher zwischen den Eingangsquellen umzuschalten, weil die Einkerbung auf den Knöpfen zu klein ist, um deren aktuelle Position abzulesen. Und angesichts ihres beträchtlichen Gewichts, ist die Bodenfreiheit, sowohl des Verstärkers als auch des separaten Transformators, nicht groß genug, um zu verhindern, dass selbst schmale Finger beim Absetzen darunter stecken bleiben. Höhere Füße unter den Geräten oder sogar eine kleine Aussparung für die Finger wären hier hilfreich.
Der RG10 MK4 Reference ist ein äußerst wirkungsvoller Vollverstärker, der sehr gute technische Daten bietet und klanglich stets souverän aufspielt. Das ausgelagerte Reference-Netzteil der Vorstufe verleiht der Musik einen enormen Realismus. Das Ergebnis ist eine klanglich ausgewogene und aufschlussreiche Abbildung der Musik. Für optimale Hörbedingungen sollte der RG10 MK4 mit hervorragenden Kabeln angeschlossen und vor HF-Einstreuungen geschützt werden, die über das Stromnetz und andere Quellen in das System eindringen können. Für diejenigen, die bereit sind, die nötige Zeit und das nötige Kleingeld in ihre Anlage zu investieren, bietet der RG10 MK4 Reference wertvolle Einblicke in Tonaufnahmen, die auf andere Weise kaum zu bekommen sind.
Liste der Testkomponenten:
Plattenspieler: Thorens TD320 mit AT-540 ML-Tonabnehmer und verbesserter linearer Audiophonics-Stromversorgung; Plattenspieler-Base: mit Quarzsand gefülltes Schichtholz mit Concertmeister Basotec-Absorbern, erbaut von Klaus Finnern (2024); Netzkabel: Symphonic Line Music Electrical Cable; Lautsprecherkabel: WSS Platin Line LS4 (handgefertigt von Jochen Bareiß in Nürtingen, Deutschland, im Jahr 2024); Martin Logan SL3 Lautsprecher.
Hörprobe (auf YouTube):
Mehr erfahren:
< Manger P2 Lautsprecher | Rolf Gemein, High End Society >